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Ukraine: Harter Alltag für Behinderte trotz Paralympics-Jubel
27.09.16

Ukraine: Harter Alltag für Behinderte trotz Paralympics-Jubel

Ukrainische Sportler haben bei den Paralympics in Rio de Janeiro überraschend 41 Goldmedaillen gewonnen, mehr als Deutschland oder die USA. Doch in ihrer Heimat kümmert sich kaum jemand um die Belange der Behinderten.

Andrej Scherbatski fährt mit dem Bus zum Tischtennis-Training. Der 25-jährige Ukrainer hat sich vor sechs Jahren das Rückgrat gebrochen und ist seither querschnittsgelähmt. Er ist froh, dass er in Winnyzja wohnt, denn in anderen ukrainischen Städten könnte der Rollstuhlfahrer den Bus gar nicht nutzen.O-Ton Andrej Scherbatski, Tischtennisspieler:'Dem ukrainischen Gesetz zufolge dürfen die Busfahrer ihren Platz nicht verlassen. In Winnyzja ist das anders, wegen lokaler Vorschriften. Das ist toll, weil ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit muss. Ich muss jeden Tag ins Zentrum fahren, auch für andere tägliche Verrichtungen.'Das ukrainische Team hat bei den Paralympics in Rio de Janeiro 41 Goldmedaillen gewonnen - mehr als Deutschland oder die USA. Das Land belegt Platz drei auf dem Medaillenspiegel. Dennoch: Zu Hause in der Ukraine kümmert sich so gut wie niemand um die Belange der Behinderten.Bogenschütze Dimitri Schebetjuk etwa muss über wacklige Rampen zum Training fahren. O-Ton Dimitri Schebetjuk, Bogenschütze:'Sport ist die einzige Chance für uns, uns selbst zu verwirklichen und ein erfülltes Leben zu führen. Außerdem sehen wir die Einrichtungen in anderen Ländern, wenn wir zu Wettbewerben dorthin fahren. Es ist dann hart, wieder in die Ukraine zurückzukehren und zu sehen, wie die Lage hier ist.'In diesem Schwimmbecken üben körperbehinderte Kinder für eine spätere Sport-Karriere.O-Ton Oleksi Kowgan:'Ich mache jetzt seit mehr als zwei Jahren Sport. Mein großer Traum sind die Paralympics.'Ein Fortschritt: Die Paralympics sind im ukrainischen Fernsehen übertragen worden. Und die Forderungen nach Gleichberechtigung dürften lauter werden, denn in Zukunft wird es wohl mehr Körperbehinderte in der Ukraine geben - wegen des Krieges im Osten des Landes.

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